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Neuhaus am Inn - Wie aus der Burg ein Schloss wurde

 

Teil 2

Noch um 1200 war das Herzogtum Bayern ein städtearmes Gebiet, weshalb die Gründung von städtischen Siedlungen wichtig war für die Modernisierung von Wirtschaft, Verfassung und Gesellschaft. Eine städtische Ansiedlung war als Verwaltungsmittelpunkt, als Handelszentrum und Markt für Waren des täglichen Bedarfs (Wochenmarkt) und für Luxusgüter (Jahrmarkt) und als militärischer Stützpunkt wertvoll. Schärding, das von dem hochadeligen Geschlecht der Vornbacher gegründet und im Jahr 1248 in den Besitz der bayerischen Herzöge gekommen war, wurde zu einer befestigten Stadt ausgebaut, denn die Region am Inn hatte große strategische Bedeutung für Bayern. Seit der landrechtlichen Trennung Österreichs von Bayern im Jahr 1156 wurde der Inn zu einer wichtigen Grenz- und Verteidigungslinie für Bayern gegen Österreich. Zudem hatte der Inn als europäische Wasserstraße eine eminente wirtschaftliche Bedeutung.

Gründung der Burg Neuhaus im Jahr 1320
Die Burg Neuhaus, mit deren Bau auf einer Felseninsel die bayerischen Herzöge im Jahr 1320 begonnen hatten, sollte als festes, aus Stein gebautes Vorwerk der Stadt Schärding die Brücke über den Inn sichern und den Warenverkehr auf dem Inn kontrollieren. Nicht umsonst liegt die Burg Neuhaus, umspült vom Inn, genau gegenüber dem Schärdinger Wassertor, wo die Waren angelandet wurden. Schärding besaß das Stapelrecht, weshalb die Waren für eine bestimmte Zeit in der Stadt handelsbereit gelagert werden mussten.

Neuhaus im Jahr 1590
Die bayerischen Herzöge überließen Neuhaus nur Pflegern, die ihr besonderes Vertrauen genossen. So ist die Geschichte von Neuhaus von zahlreichen Besitzerwechseln gekennzeichnet. Neuhaus und Schärding sind auf dem von Hans Donauer (1521-1596) um das Jahr 1590 gemalten Bild abgebildet, das im Antiquarium der Münchener Residenz zu finden ist. Die Burg Neuhaus, die Wehr-, Wohn- und Repräsentationsfunktionen in sich vereint, weist gotische Formen aber auch Merkmale eines Renaissance-Schlosses auf. Wenn ein Schiff innabwärts die Schärdinger Brücke passierte, konnten die Schiffsleute die zwei oktogonen Rondellerker sehen, die aus den Eckmauern herauswachsen und von steilen Turmspitzen bekrönt sind. Sie erstrecken sich über zwei Stockwerke. Das Gebäude trägt ein Satteldach. Die beiden Giebel sind Stufengiebel, wobei die Stufen als Türmchen ausgebildet sind. Stufengiebel wurden wegen ihres repräsentativen Charakters verwendet. Am Giebel wurde schon die Bedeutung des Schlossbesitzers deutlich. So wendet sich die eine Giebelseite zum Inn in Richtung Schärding hin und die andere landeinwärts. Überragt wird die Burg Neuhaus von einem hohen Turm. Die Brücke zur Burg führt durch ein Tor in einen Innenhof. Der Schärdinger Geistliche und Heimatforscher Johann Evangelist Lamprecht (1816-1895) hat im 19. Jahrhundert eine kolorierte Zeichnung der Burg Neuhaus angefertigt.

Neuhaus wird eine barocke Vierflügelanlage
Am Fronleichnamstag des Jahres 1724 gerieten durch das Abschießen einer Salve 32 Häuser am Stadtplatz und die Burg in Schärding in Brand. Ein scharfer Ostwind trieb die Flammen zum Inn, so dass auch die Burg in Neuhaus ausbrannte. Während die Burg in Schärding nicht wiederaufgebaut wurde, entstand auf den Ruinen von Neuhaus ein Barockschloss. Graf Ferdi-nand Franz Xaver von der Wahl zu Aurolzmünster (1723-1791), seit 1737 Besitzer der Burg und der Hofmark Neuhaus, baute Neuhaus von 1750 bis 1752 in einen spätbarocken Herrschaftsbau um. Er bekleidete das Amt des kurfürstlichen Hofkammerpräsidenten in München. Als Geheimer Rat vertrat er Kurbayern am Reichstag und am Kaiserhof zu Wien. Baumeister des Umbaus von Neuhaus war der berühmte Kirchenbaumeister Johann Michael Fischer (1692 -1766), der zu den Hauptmeistern des deutschen Spätbarocks zählt. Neben adeligen Palästen hat Fischer die Klosterkirchen in Diessen am Ammersee, Ingolstadt, Fürstenzell, Zwiefalten, Ottobeuren, Rott am Inn und Altomünster und Kirchen in Kirchen St. Anna im Lehel und Berg am Laim in München gebaut. Fischer, in dessen Person sich hervorragende technisch-konstruktive Fähigkeiten mit brillanter Kreativität paarten, wurde immer wieder als Retter herangezogen, wenn Kirchenbauten wegen statischer Probleme umgeplant werden mussten, so bei den Kirchenbauprojekten in Schärding (1722), Niederaltaich (1723), Zwiefalten (1741) und in Fürstenzell (1740). Fischer, der seine Klosterkirchen mit Doppelturmanlagen ausstattete, arbeitete auch in Neuhaus nach dem gleichen Prinzip der Verdoppelung. Um Neuhaus in eine Vierflügelanlage umzuwandeln, stellte Fischer neben dem vorhandenen südlichen herrschaftlichen Wohnbau ein zweites Gebäude. Die beiden gegenüberliegenden Gebäude bilden mit den beiden niederen Verbindungstrakten einen länglichen Innenhof. Das dreistöckige Schloss war auf Fernwirkung berechnet, denn die Schaufassaden sollten den repräsentativen Anspruch des Schlossbesitzers zur Schau stellen. Die Schweifgiebel an der Fluss- und Uferseite, die den Satteldächern vorgesetzt sind, bilden den bekrönenden Aufsatz. Sie prägen die Silhouette und machen sie zur Schaufront. Das hochwasserfrei aufgesockelte Erdgeschoss ist rustiziert. Die Ost- und Westseite sind mit 15, die südliche und nördliche Seite mit 6 Fensterachsen ausgestattet. Am Hauptgeschoss sitzen die Rechteckfenster in Rundbogenblenden mit Verdachungen. Im dritten Geschoss sind die Fenster glatt umrandet, mit Keilsteinen. Wenn die Schiffe bei der Naufahrt die Schärdinger Brücke passiert hatten, sahen die Schiffsbesatzungen eine ganz besondere Schau-front an der schmalen Südseite. Dort springt ein zweiachsiger Mittelrisalit aus der Fluchtlinie des Gebäudes hervor; ein geschweifter Zwerchgiebel krönt ihn. Im Giebelfeld präsentiert sich das attraktive Ehewappen der Wahl-Taufkirchen mit der Jahreszahl 1752.